1. August 2017 | Karin Roth | Alle Beiträge, Emissionen und Schadstoffe

Tagtäglich wehen uns unzählige Gerüche um die Nase. Die Wahrnehmung ist dabei sehr individuell: Was dem einen stinkt, empfindet ein anderer als Dufterlebnis. Aber wie funktioniert eigentlich das Riechen? Warum stehen Gerüche so eng mit unserer Gefühlswelt in Verbindung? Und welche Stoffe verursachen den Mief im Innenraum?


Rund 10.000 Gerüche können wir Menschen unterscheiden. Dafür sorgen 10 Millionen Riechsinneszellen und 350 unterschiedliche Riechrezeptoren in der oberen Nasenschleimhaut. Klingt viel – aber beim Thema Riechen sind uns Tiere weit überlegen. Die Supernase im Tierreich ist mit Abstand der Aal: Seine Riechleistung ist so gut ausgeprägt, dass er sogar einzelne Geruchsmoleküle wahrnehmen kann. Einen Fingerhut voll Rosenwasser könnte er in einem See wittern, der 60 Mal so groß ist wie der Bodensee.

Als einziger unserer fünf Sinne steht der Geruchssinn direkt – ohne die Zwischenschaltung weiterer Nervenzellen – mit dem Gehirn in Verbindung. Der Weg der Geruchsmoleküle beginnt dabei in der Nase: Über die Riechschleimhaut nehmen wir ständig neue Duftstoffe auf. Von den Rezeptoren auf den Sinneshaaren der Riechzellen werden diese als elektrische Impulse weiter an das Gehirn geleitet. Vorausgesetzt, es findet sich ein zum Duftstoff passender Rezeptor. Und nur ausreichend starke Impulse gelangen in das sogenannte Riechhirn – lediglich ein Bruchteil der täglichen Reize schafft diese Hürde. Vom Riechhirn geht es weiter in die Großhirnrinde: Hier findet die bewusste Geruchswahrnehmung statt, der Geruch wird „identifiziert“. So erkennen wir, welcher Duft uns um die Nase weht.

Emotionale Gerüche

Aber es gibt auch eine unbewusste Komponente des Riechens. Die Signale erreichen noch eine andere Region des Gehirns: den Mandelkern – Teil des limbischen Systems, Sitz der Emotionen und Gefühle. Das erklärt, warum Gerüchen oft eine sehr emotionale Komponente anhaftet: Sie können Freude auslösen, uns das „Wasser im Mund“ zusammen laufen lassen, Angst oder sogar Ekel verursachen. Gerüche sind zudem stark mit unseren Erinnerungen verknüpft: Der Geruch nach Farbe lässt an die letzte Renovierung denken, der Duft eines leckeren Marmorkuchens weckt Kindheitserinnerungen und versetzt uns schlagartig in die Küche der Großmutter zurück.

Dass der Geruchssinn darüber hinaus auch eng an den Geschmackssinn gekoppelt ist, kennt jeder, der schon einmal verschnupft seine Lieblingsspeise genießen wollte. Das Essvergnügen wird ohne Mithilfe der Nase auf die fünf Geschmacksrichtungen der Zunge reduziert.

Ein weiterer interessanter Aspekt: Ob ein Geruch als angenehm oder abstoßend wahrgenommen wird, hat auch einen kulturellen Hintergrund. Beispielsweise duften in Deutschland Reinigungsmittel nach Zitrone, der Russe lässt sich lieber Fliederdüfte um die Nase wehen und die Spanier assoziieren den Geruch nach Chlor mit Sauberkeit.

Feind, Futter, Fortpflanzung

Duft ist die älteste Form der Kommunikation. „Feind, Futter, Fortpflanzung“, so pragmatisch beschreibt Wolfgang Legrum in seinem Buch „Riechstoffe, zwischen Gestank und Duft“ den Nutzen des Geruchssinns bei Tieren. Mit Duftmarken grenzen sie ihre Reviere ab oder locken potentielle Partner an. Auch bei der Nahrungssuche spielt die Nase eine wichtige Rolle.

Vergleichbare Funktionen des Riechens findet man auch beim Menschen: Der Geruchssinn schützt vor verdorbenen Essen, vor Feuer oder Rauch. Duftstoffe haben – ähnlich wie bei den Tieren – auch Einfluss auf die Partnerwahl: Sie vermitteln uns unbewusst die genetische Ausstattung des Gegenübers und damit die Information, wie geeignet er für den potentiellen Nachwuchs ist. Pragmatismus statt Romantik.

Mief im Innenraum

Gerüche haben entscheidenden Einfluss auf unser Wohlbefinden – das macht sich insbesondere in geschlossenen Räumen stark bemerkbar, in denen wir uns einen Großteil unserer Lebenszeit aufhalten. Möbel, Bauprodukte, Elektrogeräte und nicht zuletzt wir selber dünsten gasförmige Substanzen aus und sorgen dadurch für mehr oder weniger angenehme Gerüche.

Nicht alle dieser flüchtigen organischen Verbindungen (VOC) kann der Mensch riechen. Viele VOC sind in Konzentrationen, die üblicherweise in Innenräumen vorkommen, geruchlos – die Geruchsschwelle liegt sehr hoch. Doch es gibt auch wahre „Stinker“: 4-Phenylcyclohexen, der typische Teppich-Geruch, gast aus Teppichrücken aus und riecht sehr intensiv – schon in geringsten Konzentrationen. Harzreiche Hölzer wie Kiefer emittieren Terpene, holzeigene Substanzen, die für die meisten Menschen angenehm nach Holz duften. Starke, langanhaltende Gerüche gehen von Alkydharzlacken aus, die zur Beschichtung von Fenstern oder Türen verwendet werden. Aber auch der Mensch sorgt mit seinen Körperausdünstungen, durch Tabakqualm oder Kochgerüche für Mief im Innenraum.

Was unangenehm riecht, muss auch gesundheitsschädlich sein? So einfach ist das leider nicht. Im Gegenteil: Substanzen in für Menschen toxischer Konzentration sind oft geruchlos (beispielsweise Kohlenmonoxid) – hier versagt das olfaktorisches Warnsystem. Gerüche, die uns zuwider sind, können das Wohlbefinden aber stark beeinflussen: Kopfschmerzen, Müdigkeit oder Konzentrationsschwierigkeiten sind mögliche Folgen.

Düfte lauern überall

Aber nicht nur Bauprodukte oder Möbel wehen uns Gerüche um die Nase. Viele Alltagsprodukte wie Parfüms, Kosmetika, Reinigungs- oder Waschmittel enthalten natürliche wie auch synthetische (Duft-)Stoffe. Für immer mehr Menschen ein Problem: Nach Nickel gehören diese Substanzen zu den zweithäufigsten Auslösern von Kontaktallergien in Form eines Kontaktekzems. Laut dem Deutschen Allergie- und Asthmabund sind etwa 15 bis 20 Prozent der Deutschen davon betroffen. Die vorgeschriebene Deklaration der Inhaltsstoffe auf Kosmetika hilft oft auch nicht weiter: Meist werden Sammelbezeichnungen wie „Parfum“ oder „Fragrance“ verwendet. Deklariert werden müssen nur bestimmte Duftstoffe mit hohem Allergiepotential – allerdings erst ab einer bestimmten Konzentration. Pech für viele Allergiker. Keine Deklarationspflicht gibt es außerdem für Raumluftsprays, Duftkerzen, Räucherstäbchen oder beduftetes Spielzeug. Hier hilft nur: Am besten solche Produkte ganz meiden.


Bild: Charlotte Fechner


Alle Schlagwörter zu dem Beitrag: Bauprodukte, Geruch, Möbel, VOC


 

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